"Florian, geb. 1976 - Trauer, die bleibt" von Gabriele Gérard - Ein Interview mit der Autorin

Am 01. Juli 2000 verstarb Florian, der Sohn von Gabriele Gérard ganz unerwartet am Sudden Death Syndrome. Zu dieser Zeit war er in Dublin um dort seinen Zivildienst abzuleisten. Jetzt, vier Jahre nach Florians Tod, hat seine Mutter ein Buch (Rezension) über ihn, über sich selbst und ihren Weg der Trauer und die ungewöhnliche Beziehung zwischen Mutter und Sohn herausgebracht. Wir haben uns mit der Autorin über die Entstehung des Buches unterhalten.


Liebe Frau Gérard, im März 2004 ist Ihr Buch "Florian, geb. 1976 - Trauer, die bleibt" erschienen. Wie ist dieses Buch entstanden? Gab es einen Plan dieses Buch zu schreiben, oder kam die Idee ihre Aufzeichnungen als Buch zu veröffentlichen erst später?

Ich begann wenige Wochen nach Florian's Tod an zu schreiben, weil ich schreiben musste, ich fand keinen anderen Weg aus meinem inneren Chaos und spürte, dass ich den Faden wieder aufnahm, der sich durch mein Leben zieht - zu schreiben, wenn mir das Leben über den Kopf wächst.
Später traf ich Sabine Zurmühl, die Florian aus einer Dokumentation über "Scheidungskinder" kannte und sie machte mir Mut, mich mit meiner Trauer der Öffentlichkeit zu stellen - als Fortsetzung gewissermaßen auch der Arbeit, die ich über meine Gedenkseite im Internet ja bereits begonnen hatte: andere Menschen durch ihre Trauer zu begleiten, etwas von dem weiterzureichen, was ich mir so schmerzlich erlitten hatte. Das Buch ist ein Reifeprozeß: Es dauerte von der ersten Idee bis zur Publikation mehr als zwei Jahre. Erfahrungen, Veränderungen, viele Gespräche mit anderen Betroffenen und Briefe, die mir immer wieder sagten, ich solle unbedingt ein Buch schreiben, ließen den gepflanzten Samen irgendwann keimen und erblühen.

Würden Sie das Schreiben als heilsames Mittel in der Trauer bezeichnen?

Ja, Schreiben ist ein sehr heilsames Mittel um Ordnung in sich zu schaffen, den Gedanken wieder feste Plätze zu geben. Alles in einem ist zusammengebrochen, die alten Ordnungen außer Kraft gesetzt, denn sie beinhalteten ja das Leben mit diesem Menschen, den man gerade verloren, es ist wie nach einem Erdbeben und ich denke, dass das Schreiben so etwas wie "innere Aufbauhilfe" ist.
Ich glaube aber auch, dass es andere Dinge gibt, wie malen, meditieren, sich körperlich zu bewegen,
die eine ähnliche Auswirkung auf die Seele haben. Es hängt wohl davon ab, wie man bisher gelebt hat. Ich glaube nicht, dass man im Moment dieser tiefsten Krise etwas ganz Neues beginnt.. man greift wohl eher zurück auf die Fähigkeiten, die man schon vorher besaß..


Nach Florians Tod hat sich ihr Leben total verändert. Seitdem ist für Sie eine neue Zeitrechnung angebrochen - sie haben an diesem Wendepunkt ein neues Leben beginnen müssen. Welche Stichwörter würden Sie Ihrem "neuen Leben" in den einzelnen Jahren seit Florians Tod zuschreiben?

Jahr Eins: Aufbäumen, Zusammenbruch, nicht wahrhaben wollen, innerer Widerstand und völliges Chaos, Sehnsucht, Liebe, Wut und Ungläubigkeit, Auflehnung und Resignation.
Abkehr vom realen Leben, Suche nach Ritualen, die Frage: "warum" ..".Fremde im eigenen Leben".
Jahr Zwei: langsam dem Leben zuwenden, Suche nach Auswegen, Neuorientierung in einem neuen Leben, in einer veränderten Welt, Versuche sich dem Schicksal zu beugen, Begreifen, dass dies nun "mein Leben" ist.... "Schritt für Schritt in eine unbekannt Welt gehen"
Jahr Drei: Suche nach der Möglichkeit der Integration der Trauer in ein sich normalisierendes Leben, noch immer Weigerung, an vielen Dingen des Lebens wieder teilzunehmen, Trauer und Kreativität, aktive Begleitung anderer Trauernder, ..."Das Unabänderliche umarmen!"
Jahr Vier: Sinnsuche, Verlust der großen Nähe, der als sehr schmerzlich erlebt wird, das Buch erscheint und ist ein Meilenstein meiner Trauerarbeit. Einmal dem Leben zu- mal abgewandt zu leben wird eine neue "Normalität", der Trauer großen Raum einräumen ..."Leben mit der Amputation"

Für mich drückt der Titel "Florian, geb. 1976" auch viel Hoffnung aus, denn es wird nur das Geburtsjahr von Florian genannt, nicht aber sein Sterbejahr. Für mich heisst das übersetzt - Florian lebt weiter. Hierin kann ich einen Hoffnungsschimmer sehen. Einen Hoffnungsschimmer kann ich auch darin sehen, wie das Buch beispielsweise auf amazon.de rezensiert wurde - Sie helfen Menschen, bewegen und machen Mut. Wie ist das für Sie? Hat die Hoffnung in Ihrem "neuen" Leben auch einen Platz gefunden?

Ich weiß, dass Florian "lebt", weil ich ihn von ganzem Herzen liebe und niemals "loslassen" werde,weil er die Herzen von vielen Menschen erreicht. Ihn nicht "sterben" zu lassen, ist eine der Aufgaben für dieses restliche Leben. Mit diesem Buch ein kleines Licht im Herzen derer zu entzünden, die keine Hoffnung mehr sehen, mutlos und resigniert sind, das wünsche ich mir aus tiefsten Herzen. Dafür und nur dafür war ich bereit, soviel Intimität meiner Trauer und vor allem die Briefe von Florian zu teilen.
Das Wort "Hoffnung" tauchte, wenn ich mich richtig erinnere, im Jahr Drei erst wieder auf.
Hoffnung, das Leben mit einem anderen Sinn füllen zu können, Hoffnung, dass das Band, das mich mit Florian verbindet, nie reißen wird, Hoffnung, wieder Momente des Glücks und der Ruhe zu finden, Hoffnung auf ein Wiedersehen in einer anderen Wirklichkeit. Ohne Hoffnung kein "Leben".
Dankbarkeit und Hoffnung, ich denke, sie gehören zusammen. Erst wenn wir lernen, dankbar zu sein für das was war, können wir uns dem restlichen Leben auch mit Hoffnung zuwenden.


Als ich das Buch las, war ich immer wieder erstaunt, wie ein so junger Mensch wie Florian schon so tiefe Gedanken haben kann. Die Briefe von ihm wirken auf mich wie Trauerbegleiter, die er Ihnen selbst geschickt hat. Wie lesen Sie heute Florians Briefe und wie haben Sie die Briefe vor Florians Tod verstanden?

Immer schon waren Florian's Briefe ein Ereignis in meinem Leben. Es war nicht einfach "Post", es war "ein Brief von Florian"! Ich war immer wieder erstaunt und voller Ungläubigkeit, wie groß das innere Reifen dort in Irland vor sich ging und wie sehr sich Florian veränderte und an seinen Aufgaben wuchs. Ich sah dies mit unendlicher Freude und Dankbarkeit... Es hatte die "Ernte" begonnen und ich bewunderte seine Offenheit und seine tiefe Zuneigung, die er nie verlor und leugnete.
Nach Florian's Tod wurden diese Briefe zu seinem wichtigsten und schönsten Vermächtnis.. Worte, Gedanken, seine Gedanken, immer wieder nachlesbar, immer neu interpretierbar. Ein tiefes Staunen über seine ganz natürliche Spiritualität, längst bevor ich diese Dimension in mir erfuhr. Ein unbeschreiblicher Reichtum und Schatz, den Florian hinterlassen hat.


Auf dem Titelbild können wir ein Bild von einem kleinen Ruderboot sehen. Für Außenstehende mag das Bild zunächst einmal nichts mit dem Titel des Buches zu tun haben, doch es gibt einen Zusammenhang. Welche Geschichte steht hinter diesem Bild bzw. hinter dem Symbol "Boot"?

Wenn das Wasser für "Leben" steht, dann steht das Boot für die "Liebe". Florian griff in seinen Briefen immer wieder zurück auf diese Metapher und Boote begannen, unser Leben zu begleiten. Die Bilder von Edward Hopper wurden symbolisch - ein großes Plakat des Lieblingsbildes - "The long Leg" - hängt in seinem Zimmer. Die Insel, das waren wir und sein Bild war, dass er auf den Meeren des Lebens schwimmt und wenn er das Bedürfnis nach Sicherheit hat, er an unserer Insel anlegen kann. Ein sehr schönes, berührendes Bild.
Das Umschlagfoto entstand auf unserer letzten gemeinsamen Reise im Jahr 1999 entlang der Westküste Irlands. Wir standen mit Florian in diesem kleinen Hafen und der Moment hatte etwas Magisches, etwas Unwirkliches: Irlands gesamte Schönheit und Melancholie spiegelte sich in diesem Blick und wir standen und schwiegen - wie so oft auf dieser letzten gemeinsamen Reise.


Was möchten Sie Trauernden mit Ihrem Buch sagen? Was möchten Sie Menschen, die einen so schweren Verlust erlitten haben wie Sie, gerne mit auf ihren Weg der Trauer geben?

Es ist sinnlos, zu versuchen, das alte, verlassene Leben weiterleben zu wollen. Dies ist weitaus schmerzlicher, als einzusehen, dass dieses Leben - zu dem der vorausgegangen Mensch gehörte - unwiderruflich geendet und ein neues, anderes Leben begann.
Vielleicht ist die wichtigste Botschaft, sich der Trauer bedingungslos zu stellen. Es gibt keinen anderen Weg, wenn unser gebrochenes Herz und unsere tief verletzte Seele Heilung erfahren sollen.
Trauer ist Liebe: Vermeiden wir die Trauer, können wir nicht lieben; verlieren wir die Trauer, verlieren wir die Liebe. Mut zu haben, auf die eigene Kraft und die unverbrüchliche Liebe zu dem Vorausgegangenen zu vertrauen. Den eigenen Impulsen und Wünschen nachgeben. Niemand sagt uns, wie unser Trauerweg aussieht, wohin er uns führt; wir müssen ihn finden, entdecken. Sich zurückzuziehen, Zeit lassen und Zeit nehmen, die Ruhe und die Stille suchen, sich von ihr inspirieren zu lassen. Ratschläge sind gut gemeint, aber selten hilfreich. Sich selbst durch das Chaos einen neuen Weg bahnen und die kleinen Zeichen, die uns geschickt werden, zu finden und an ihre Existenz zu glauben!
Wenn wir das Erlebte, das Durchlittene weitergeben an die, die diesen Weg der Trauer gerade erst beginnen, dann bekommt dieses Leben einen Sinn. Ich übernahm zum Beispiel eine Patenschaft in Kenia für einen Waisen.Wir schreiben uns und ich erfahre durch Isaiah viel Liebe, Dankbarkeit und Freude.
Ich glaube fest daran, dass die Toten unsere besten Ratgeber sind und wir uns ihnen anvertrauen können. Wenn wir sie fragen, erfahren wir Antwort.

Denen treu bleiben, die gestorben sind,
heißt, so zu leben, wie sie gelebt hätten.
Und sie in uns leben lassen.
Und ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Botschaft
anderen bringen.
Einem Sohn, einem Bruder oder Unbekannten,
anderen, wer immer sie sind.
Dann wird das Leben, wenn auch vom Tode verstümmelt,
immer weitergehen, von neuem erblühen
(Martin Grey)

Für das Interview möchten wir uns ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Wir wünschen Ihnen alles Liebe und Gute, viel Kraft und Hoffnung für jedes weitere Jahr und auch für Ihr Buch FLORIAN viel Erfolg.

Das Interview führte Kerstin Müller.

(c) Kerstin Müller, Aachen 2004