Warum musstest du gehen?
Ich wollte dir noch so Vieles sagen ...

Der Verlust eines vertrauten Menschen greift oft auf extreme Weise in das Leben der Zurückgebliebenen ein. Viele Menschen müssen erst lernen, Abschied zu nehmen. Das Dilemma ist, dass das Thema Tod und Trauer bei uns noch überwiegend tot-geschwiegen wird
Petra Handt ist Teilnehmerin des ersten Online-Trauerseminars von www.trauer.org und war bereit sich für ein Interview zur Verfügung zu stellen.
Der gesamte Text von Heide Ilka Weber ist veröffentlicht in der Zeitschrift "Lenz" 11/2003

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang.
Nur vor dem Tod derer, die mir nahe sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?.
Den eigenen Tod, den stirbt man nur.
Doch mit dem Tod der Anderen muss man leben.
Mascha Keléko


Im ersten halben Jahr, nach dem ihr Sohn mit dem Flugzeug abgestürzt war, fühlte Petra Handt nur den Schmerz. Wenn Sie zur Arbeit fuhr, musste sie manchmal auf einem Parkplatz anhalten, um nicht gegen eine Wand zu fahren.
Der Verlust eines vertrauten Menschen greift oft auf extreme Weise in das Leben der Zurückgebliebenen ein. "Die Menschen befinden sich in einem Schock, in einem emotionalen Ausnahmezustand", sagt die Hamburger Trauerberaterin Telse Danker. Vor allem in den ersten beiden Monaten nach dem Tod spielten die Gefühle völlig verrückt, da komme es durchaus vor, dass man etwas ganz Extremes machen möchte, das Haus verkaufen, weit verreisen oder sich sogar ins Vergnügen stürzen, nur um den Schmerz und die innere Leere zu betäuben.

Petra Handt weiß nicht, wie sie die ersten Monate nach dem Tod von Christian überlebt hat. "Der Schmerz war so unerträglich. Ich konnte kaum arbeiten, ich hatte nur noch einen einzigen Wunsch, nämlich nicht mehr da zu sein." Hätte ihr Mann und ihr jüngerer Sohn nicht immer wieder gesagt, "wir brauchen dich noch", dann wäre sie vielleicht nicht so vorsichtig mit dem Auto gefahren. Sie litt selbst darunter, wie unberechenbar sie in dieser Zeit war. Mitunter bekam sie plötzlich eine Wut, dann zankte sie sich mit ihrem Mann. Bis sie eines Tages las, dass 80 Prozent der Ehe in die Brüche gehen, wenn ein Kind gestorben ist. Da sagte sie "Halt - so kann es nicht weiter gehen."

"Trauer ist etwas sehr Intimes", stellt die Trauerberaterin immer wieder fest. Auf Gesprächsangebote reagierten sie oft ablehnend. Doch gerade das Reden hält Telse Danker in jeder Trauerphase für extrem wichtig. "Es hilft dem Trauernden, wenn er über seine Gefühle und seine seelischen Verwundungen spricht". Es sei deshalb gut, wenn sich Trauernde Gesprächspartner suchen, mit denen sie vorher schon ein starkes Vertrauensverhältnis verbindet und von dem sie glauben, dass sie sich ihnen zumuten können."

Bei Petra Handt bewirkten die gut gemeinten Aufmunterungen im Kollegen- und Bekanntenkreis genau das Gegenteil von dem was, sie bezweckten. Sprüche wie "ach das wird schon werden", "jetzt wird es aber wieder Zeit, dass ..." und "ich würde an deiner Stelle verrückt werden". haben ihr so weh getan, dass ich sie nicht ertragen konnte.

Den Grund für diese Hilflosigkeit sieht Telse Danker in dem Dilemma, dass das Thema Tod und Trauer in unserer Gesellschaft noch immer stark mit einem Tabu belegt ist. Alles was mit Sterben zu tun hat, werde im wahrsten Sinne des Wortes tot-geschwiegen. Das führe dazu, dass wir uns oft sehr unsicher fühlten, und zwar sowohl im Umgang mit der fremden, als auch mit unserer eigenen Trauer.

Die Psychotherapeutin und Autorin Verena Kast stellt fest, dass ein trauernder Mensch von der Umwelt plötzlich anders behandelt, im schlimmsten Fall genau so tabuisiert wird, wie der Tod selber. So komme zum Verlustschmerz auch noch die Einsamkeit dazu, das Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören. Früher wurden ein Trauerfall in der ganzen (Groß-)Familie aufgefangen. Das ist heute anders, hier ist der Trauernde oft allein gelassen in seiner Not.

In ihrer Praxis erlebt Telse Danker es immer wieder, wie schnell Nahestehende durch den Tod eines geliebten Menschen in eine Krise geraten und Hilfe brauchen. Petra Handt wurde aufgefangen von ihrem Mann und ihrem Jüngsten. Später, als sie allmählich wieder ins Leben zurück gekehrt war, dachte sie daran, sich einer Trauergruppe der Selbsthilfeorganisation "Verwaiste Eltern" anzuschließen. Doch von ihrem Dorf aus wäre das schwierig geworden, "und dann", räumt sie ein, "hatte ich auch ein bisschen Angst davor, mit meinem Schmerz in einem größeren Kreis von Trauernden unterzugehen."

Doch vor ein paar Monaten ist sie im Internet auf das Trauerportal "www.trauer.org" gestoßen und hat sich für ein Online-Trauer-Seminar eingeschrieben. Plötzlich stellte sie fest, dass sie nicht allein ist mit ihrem Schmerz. Dass es viele verwaiste Eltern gibt und wie gut es ihr tut, den Schmerz mit ihnen zu teilen. Mit Genugtuung wurde ihr klar, dass sie mit ihrer bitteren aber auch gereiften Erfahrung auf einmal Anderen helfen kann. "Es geht mir besser dabei. Wahrscheinlich wird mein Schmerz kleiner, wenn ich darüber rede und dem Anderen ein Stück Weg zeigen kann."

"Wichtig ist, dass wir lernen unsere Trauer zuzulassen", sagt die Trauerexpertin. "Richtig trauern heißt, unseren Gefühlen Ausdruck zu geben, sie so, wie sie sind, einfach anzunehmen. Wir akzeptieren, dass wir jetzt verzweifelt sind, dass uns der Kummer, die Tränen und der Schock überwältigen. Wir erlauben uns, dass auch dunkle Gefühle wie Gleichgültigkeit, Bitterkeit, Wut aus unserem Innersten aufsteigen dürfen, damit sie abfließen können und nicht unsere Lebensenergie blockieren." Das ist keine Schwäche, sondern im Gegenteil, dazu braucht man Mut und Kraft - und manchmal auch Hilfe.

Trauerarbeit fordert, dass wir die Realität des Todes irgendwann akzeptieren. Zum Trauern gehört, dass wir die Beziehung zum Verstorbenen heilen und abschließen, falls uns das nicht schon vor dem Tod gelungen ist. "Einfach danke sagen, wenn uns dies ein Bedürfnis ist,", empfiehlt Telse Danker, oder der verstorbenen Partnerin mitteilen, wie sehr man sie liebt und sie vermisst. Und wenn uns Schuldgefühle belasten, "bitten wir um Verzeihung". Wie viele Trauernde machen sich Vorwürfe, nicht rechtzeitig da gewesen zu sein, als der Vater starb, oder sie glauben, mitschuldig an dem Tod zu sein, nicht alles getan zu haben. Vielen fällt es schwer, darüber zu reden. Vielleicht ist es am Anfang einfacher, erst einmal "Briefe" an den Verstorbenen zu schreiben, oder seine Gefühle einem Tagebuch anzuvertrauen.

Wenn der Schmerz nachlässt und die Bereitschaft los zu lassen zunimmt, entsteht Raum für das Neue. Ähnlich geht es Petra Hand. "Mein Leben hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Ich lebe nicht mehr so oberflächlich, nicht mehr in Förmlichkeiten. Meine Wertvorstellungen haben sich völlig verschoben. Ich gehe kritischer damit um, mit wem und über was ich rede. Die Familie ist noch enger zusammen gerückt. Wir versuchen bewusster zu leben, die Stunden, die wir haben zu genießen. Angst? Früher hatte ich soviel Angst vor dem Tod. Jetzt nicht mehr.
Heide Ilka Weber


Ich wache nachts auf und denke der Alptraum ist zu Ende

Petra Handt (51) war in der Kur, als ihr Sohn Christian (27) mit dem Flugzeug abstürzte. Da brach für sie eine Welt zusammen

Ich sollte an dem Wochenende nach Hause kommen. Ich freute mich, denn ich hatte meinen Ältesten drei Wochen nicht gesehen. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis. Er lebte in der Nähe und wir sahen uns oft. Dann überbrachte mein Mann die Nachricht - es war das Schrecklichste, was ich je erlebt habe. Ich dachte ich bin in einem Film, der gleich zu Ende gehen muss.

Bis heute hat man nicht heraus gefunden, was die Ursache für den Absturz war. Das läßt mich nicht zur Ruhe kommen, weil noch so viele Fragen offen sind. Ich vermute, dass die Maschine nicht in Ordnung war. Nachts wache ich auf und grüble. Sobald ich nur ein bisschen wach bin, "kommt" Christian. Warum er? Warum trifft es gerade uns? Warum? Mich belastet stark, dass ich nicht von ihm Abschied habe nehmen können.

Ich bin ein Stück mit-gestorben. Im ersten halben Jahr war nur Schmerz. Zum Glück konnte ich reden und weinen. Durch Zufall habe ich in unserem Dorf eine Frau gefunden, die zwei Kinder verloren hat. Wir haben uns ein Stück weit begleitet. Menschen in einer ähnlichen Lage verstehen am besten, was Schmerz bedeutet. Ich habe alles gelesen, was über das Leben nach dem Tod geschrieben worden ist. Am meisten hat mir das Buch von Juliet Rothman geholfen "Wenn ein Kind gestorben ist".
Wir entschieden uns für eine Seebestattung. Erst im Nachhinein merkte ich, dass mir ein Ort fehlt, wo ich hingehen und mit ihm "reden" kann. Wir haben dann einen Baum nach dem Keltischen Baumkalender passend zu Christians Geburtstag gekauft und in den Garten gepflanzt. Jetzt kann ich immer dort hingehen.
Im zweiten halben Jahr konnte ich das Leben in kleinen Schritten annehmen. Früher dachte ich, ich könnte nie mehr lachen, mich nie wieder über etwas freuen. Es wird besser. Die Abstände, in denen der Schmerz kommt, werden größer. Aber er hört nie auf. Ich habe mich für das Leben entschieden, aber es hat eine andere Wertigkeit bekommen. Ich weiß, dass es nie mehr so unbeschwert glücklich werden wird. Nächstes Jahr höre ich auf zu arbeiten. Ich gehe raus aus meinem Job beim Sozialamt. Immer Haltung bewahren, das ist mir manchmal sehr schwer gefallen. Geld ist nicht alles. Ich muss was machen, was mir einen Sinn gibt, sonst gehe ich kaputt. Vielleicht werde ich mich hinsetzen und schreiben.

Wie man selbst den Trauerprozess fördern kann

Telse Danker, Trauerberaterin in Hamburg, zeigt trauernden Menschen, dass sie nicht alleine sind und weist ihnen den Weg zu einem persönlichen Umgang mit dem Verlust

Was geht in Trauernden vor?
Der Verlust eines uns nahestehenden Menschen greift massiv in unser Leben ein. Er tut weh und bringt auch unsere Lebenspläne durcheinander. Deshalb braucht es Zeit, um Abschied zu nehmen, Zeit um das Trauma zu verarbeiten und Zeit, sich für einen neuen Weg zu öffnen. Dieser Prozess kann sich über ein bis mehrere Jahre hin ziehen.
Die ersten Wochen erleben Trauernde oft wie ein Schock mit wechselseitigen Gefühlen von Gleichgültigkeit und Leere bis zur abgrundtiefen Verzweiflung. Manche empfinden diese Phase, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weg gezogen wird, sie fühlten sich orientierungslos, ausgebrannt, ausgelöscht, blockiert, apathisch. Auch wütend sein gehört zu diesem Gefühlschaos, sie klagen, jammern und hadern mit ihrem Schicksal und mit dem Menschen, der sie einfach alleine zurück gelassen hat. All das ist Trauer.
Nach den ersten Monaten lässt man den Verlust allmählich an sich heran. Das wechselt ab mit Phasen der inneren Gefasstheit, in denen wir Schritt für Schritt unsere Vorstellung los lassen, dass der Verstorbene noch einmal zurück kommt. Erst nach diesem Schritt sind wir in der Lage, neue Wege für uns zu sehen.

Weshalb ist es wichtig, zu trauern?
Manche Menschen klammern sich sehr stark an den Verstorbenen und wollen seinen Tod einfach nicht wahrhaben. Sie bleiben in ihrer Hoffnung gefangen und verhindern den natürlichen Fluss des Heilungsprozesses. Die Gefahr ist groß, in einer der Trauerphasen stecken zu bleiben, weil wir glauben, die Einsamkeit und den Schmerz nicht aushalten zu können, weil wir uns betäuben und versuchen, uns durch Arbeit abzulenken. Wenn unsere aufgewühlte Seele aber kein Ventil bekommt, wo sie etwas von dem Druck ablassen kann, dann entsteht ein Gefühlsstau. Ein nicht ausgelebter oder verschleppter Trauerprozess blockiert und bremst unsere Lebensenergie. Man versagt sich, das Leben an die neue Situation anzupassen und es wieder lebenswert zu gestalten. Das kann zu schweren Depressionen und Krankheiten führen.

Wie kann man selbst heilsam mit seiner Trauer umgehen
Reden ist gut und äußerst wichtig für den Heilungsprozess. Wer allein ist mit seiner Not, kann sich an Trauerbegleiter oder eine der vielen Trauerberatungsstellen wenden.
Schreiben ist eine gute Alternative. In einem "Brief" an den Verstorbenen kann man ihm das mitteilen, was man ihm zu Lebzeiten nicht mehr sagen konnte, zum Beispiel, wie sehr man ihn lieb hat und wie schön es mit ihm war. Tagebucheintragungen sind ein gutes Mittel, um sich nicht so einsam zu fühlen. Wichtig ist, einfach drauf los zu schreiben, die Gedanken sollten aus dem Bauch heraus fließen. Wer nicht gerne schreibt, kann sich seine Gefühle auch von der Seele malen. Auch körperlich kann man Gefühle abreagieren: Laufen, tanzen, Holz hacken, putzen ...
Musik ist sehr gut geeignet, Stimmungen aufzunehmen, zu verstärken, zu trösten und Erinnerungen zu wecken. Spaziergänge beruhigen. Natur heilt.
Was hat mir früher in Krisenzeiten geholfen? Besonders in der ersten Trauerphase ist es gut sich an solche Hilfsmittel zu erinnern. Das bestimmte Musikstück, ein Notizbuch oder der kleine Teddybär, diese Dinge legt man sich vor dem Schlafengehen griffbereit hin, damit sie gleich da sind, wenn einem nachts die Gedanken nicht Schlafen lassen.
Rituale sind verläßliche Gefährten im Trauerprozess: Dazu gehören Tagebuch schreiben, die Erinnerungsecke für den Verstorbenen, regelmäßige Zwiegespräche, der Gang zum Friedhof. Gute Anregungen gibt das Buch "Rituale in der Trauer".

(c) Heide Ilka Weber, 2003