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Die hier veröffentlichten Texte machen Sie unter Umständen sehr betroffen. Daher haben wir in unserem Forum den Bereich "Trauertagebuch" eingerichtet, in dem Sie Ihrer Betroffenheit Luft verschaffen können.
Wir würden uns sehr über Ihre Kommentare freuen.

... NICHTS IST MEHR SO WIE ES WAR ! ...
4. Teil des Trauertagebuches

Donnerstag, den 06.06.2002 neue Beratung.
OP ist nicht mehr möglich, geplante Chemo wird abgelehnt. Am 07.06.2002 war ein Termin in der Zahnklinik angesagt, zur Stärkung des Kiefers, dann wieder abgelehnt. Alles war so undurchsichtig.

Am 08.06.2002 und 09.06.2002 durfte Hans fürs Wochenende nach Hause kommen. Am 10.06.2002 wurde dann endlich die Maske angefertigt. CT gemacht. Alles ging furchtbar schleppend. Hans konnte kaum noch schlafen, eigentlich die ganze Zeit schon sehr schlecht und hatte noch das Pech ein Zimmer zur Straße zu haben, wo Krach und schlechte Luft kaum auszuhalten waren.
Aber er beklagte sich nicht. Er nahm alles geduldig hin. Erst als der Pulsschlag anstieg, verlegte man ihn auf ein ruhigeres Zimmer.
Nur einmal, das war nach dem freien Wochenende, hatte er so furchtbar den "Moralischen" wie er sagte, unvorstellbare Ohrenschmerzen, die nicht zum Aushalten waren.
"Das tut so weh", sagte er einmal. "Wenn ich Dir was abnehmen könnte", sagte ich ihm.
Aber er antwortete: "Das kann man keinem geben, das will keiner haben." Ansonsten hat er sich nie beklagt, nie gejammert.
Ich habe ihn dann getröstet und erzählt, es gehe mir auch nicht gut und ich würde mal nach Marienstatt fahren um zu beten, eine Kerze anzünden bei der Gottesmutter und ihn in das Buch zum Beten eintragen. Nimm den "schwarzen" hat er gesagt. Der "Schwarze" war sein Lieblingsauto, sein ganzer Stolz.
Wieder zu Hause habe ich ihn angerufen und gesagt: Ich habe Dich mitgenommen, Du warst bei mir."
Da hat er sich gefreut und wieder gelacht.

Mittwoch, den 19.06.2002 dann die erste Bestrahlung, Donnerstag und Freitag die nächsten.
Montag, den 24.06.2002 die 4. Bestrahlung. Anschließend durfte ich Hans für eine Woche nach Hause holen. Er hat mir gesagt, das Gerät muss gewartet werden. Es dauert 8 Tage. Der Arzt möchte, dass ich für die Zeit nach Hause komme. Ich weiß heute nicht, ob er mich damit nur schützen wollte, um die Wahrheit zu verschweigen oder ob man ihm selbst im Ungewissen gelassen hatte. Es kann nicht angehen, dass in einer Uniklinik ein so wichtiges Gerät 8 Tage zur Wartung gegeben wird.
Inzwischen hatte man Morphin-Pflaster gegeben. Astronautenkost konnte er nur noch begrenzt zu sich nehmen. 40 Pfund hatte er verloren.
Einmal sagte ich:" Deine Ärmchen und Beinchen machen mir angst." "Mir auch", antwortete er.
Trotzdem, es waren 8 schöne Tage, die Sonne schien und wir konnten sie auf dem Balkon genießen.
Gern wäre er noch einmal durch den Garten gegangen oder noch einmal über den Damm, aber das hat er nicht mehr geschafft.

Es folgte dann ab Montag, den 01.07.2002 eine Woche erneute Bestrahlungen. Ich erzählte, ich habe gemäht. Der Garten sieht so schön aus. Es wird Zeit, dass Du wieder nach Hause kommst. "Ja, dann setzen wir uns da rein", sagte er. Es klang so merkwürdig fremd.

Hans fühlte sich immer schlechter. Die Telefonate wurden immer weniger und immer kürzer.
Seine Magenbeschwerden hatten ihn wieder eingeholt und der Schwindel war fast unerträglich geworden, so dass er im Flur zur Strahlenabteilung aufs Gesicht gefallen ist und sich sehr wehgetan hat.
Am Wochenende 06.06.2002 und 07.06.2002 durfte er wieder nach Hause.
Als ich ihn abholte, sagte ich zu ihm: "Du gefällst mir aber besser." Aber er antwortete: "Es geht mir schlechter."
Er zog sich mit beiden Händen der Treppe hoch, so schwach war er. Sonntagmorgen ist er dann wieder gefallen. Ich bemerkte, als ich ihm hochhelfen wollte, dass ihm wohl der ganze Körper wehtat. Er versuchte es dann alleine an der Bettkante und zog sich hoch. Sein Knie und sein Arm waren verletzt.

Mittags hatte ich Geschnetzeltes mit Spätzle und Apfelkompott gekocht. Alles sorgfältig zerkleinert mit einem Löffel zu essen. Es hat ihm so gut geschmeckt -einmal nochmal richtig essen - dass er noch ein zweites Mal verlangte. Wir waren überglücklich und ich sagte: "Wenn Du wieder hier bist, päppel ich Dich wieder auf."
Es war das Letzte, was er gegessen hatte.

Sonntagabend hatte er keine Eile wieder in die Klinik zu kommen. Normalerweise musste er um 20.00 Uhr da sein, aber er sagte: "Egal wann ich komme." Ins Nachhinein auffallend war, dass er sich mit letzter Kraft seine Kleidung zusammenstellte, sich darüber freute noch einmal gut angezogen zu den Bestrahlungen zu fahren. Sogar Schuhe, die er immer geschont hatte, packte er ein, obwohl es ihm schwer fiel, die Kleidung anzuziehen und Schuhe zu binden. Ich sagte ihm noch, man fühlt sich auch besser als immer nur im Trainingsanzug und Birkenstock.

In der Klinik angekommen, gingen wir schweigend zu dem Hintereingang. Im Hof blieb Hans stehen und starrte auf die kaputtgeschlagene Bank, die sein einziges Domizil zum Rauchen und Entspannen war.
"Jetzt haben sie mir die auch noch kaputt gemacht", waren seine Worte, drehte sich um und ging wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, weiter. Es zerriss mir fast das Herz. Es sollte der Anfang vom Ende sein. Ich erinnere mich, dass ich auf der Heimfahrt abends im Auto laut geweint habe. Am Himmel war ein wunderbarer Sonnenuntergang auf einer wunderbaren Strecke. Es war wie Abschiednehmen.

Am Montag folgte eine Vorstellung in der Schmerzklinik zur Schmerztherapie. Die Bestrahlungen wurden fortgesetzt. Dienstag und Mittwoch folgten, insgesamt 12 Bestrahlungen.

Wie jeden Abend um 5 Minuten vor zehn, rief ich auch am Mittwoch, den 10.07.2002 wieder an.


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