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Die Autorin des Tagebuchs würde sich über ihre Reaktion bezüglich des Tagebuchs sehr freune. Daher haben wir in unserem Forum den Bereich "Trauertagebuch" eingerichtet, in dem Sie Ihrer Betroffenheit ausdruck verleiehn können.
Wir würden uns sehr über Ihre Kommentare freuen.

... NICHTS IST MEHR SO WIE ES WAR ! ...
5. Teil des Trauertagebuches

Die ganze Zeit war in mir, irgendwann meldet er sich nicht mehr.

Es war soweit. Aufgeregt suchte ich die Nummer von der Station. Er musste ja wieder gefallen sein. Nach endloser Zeit, oder waren es nur Sekunden, sagte mir die Station: "er ist zusammengebrochen, aber sein Kreislauf ist jetzt wieder stabil, Sie können mit ihm reden."

Mein Schock saß tief. Hans redete wirr aber gleichzeitig wieder normal. Der Pfleger bestätigte mir "Sie brauchen nicht zu kommen, er wird die ganze Nacht engmaschig überwacht." Anrufe in den nächsten Stunden bestätigten mir, der Zustand sei stabil.

Beim Anruf am Donnerstagmorgen sagte man mir: "Wir haben ihn auf die Intensivstation in die Lungenabteilung gefahren. Der Zusammenbruch muss abgeklärt werden. Rufen Sie in zwei Stunden noch mal an."

Wieder banges Warten. Ergebnis lautete: entweder Lungenentzündung oder Lungenembolie. Lungenembolie kann nicht behandelt werden, da keine blutverdünnenden Mittel gegeben werden könnten wegen Bestrahlungen wodurch Hirnbluten und Verbreitung des Tumors auftreten würden. Also, Hoffnung auf Lungenentzündung. Hans bekam nicht genug Sauerstoff und wurde somit an eine Sauerstoffmaske angeschlossen. Es wurden starke Antibiotika verordnet und gesagt, dass es in 2-4 Tagen anschlagen müsse. Das Bangen sollte nicht aufhören.

Ab jetzt fuhren die Kinder und ich jeden Tag zur Uniklinik. Turnusmäßige Anrufe ergaben immer die Antwort: "Zustand stabil, nicht besser - nicht schlechter."

Hans war sehr unruhig. Ich glaube er kämpfte mit letzter Kraft gegen alles. Er wollte die Maske abreißen und sagte noch: "Das gibt es nirgendwo, dass man so gefoltert wird." Wir mussten lachen.
Trotzdem es ihm sehr schlecht ging, gab er uns zu verstehen: "Geht euch einen Kaffee trinken, macht euch einen schönen Nachmittag. Ihr braucht nicht an meinem Bett zu sitzen."
Ich erinnere mich, dass er an diesem Tag beim Verabschieden sich noch mit letzter Kraft im Bett aufrichtete und uns mit beiden Händen zuwinkte: "Fahrt langsam, schöne Grüße an alle." Er dachte nie an sich, immer an das Wohlergehen von anderen.

Hans bekam jetzt das Morphium erhöht. Einmal nahmen sie die Maske ab, um seinen Mund zu säubern. Er musste dabei Höllenqualen erlitten haben. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und er rief, während er sich den Kopf festhielt: "Ich kann nicht mehr - ich kann nicht mehr!"
Wir waren so niedergeschlagen, da wir hilflos dabeistanden und konnten nicht helfen.
Ein anderes Mal flehte er mich an: "Hol mich hieraus, hol mich hieraus, ich bleibe nicht hier." "Ich hol Dich hier raus, wenn Du wieder gesund bist", habe ich geantwortet.

Ich kam mir vor wie ein Verräter.

"Du wirst wieder gesund", habe ich ihn getröstet. Er hat nur gepustet und den Kopf heftig hin und her geworfen zu einem "Nein". Zweimal hat er geweint.
Einmal fragte er, was für ein Tag heute ist. Ich antwortete, "Samstag". "Nein, Freitag", meinte er. Ich verstand sofort, was er damit meinte. Er hatte sein freies Wochenende im Kopf und hoffte ich hätte ihn abgeholt. Es tat so weh.

Sein Sprechen durch die Maske wurde immer schwieriger. Wir verstanden ihn nicht mehr. Bei der kleinsten Anstrengung gingen seine Werte runter und wir versuchten ihn zu beruhigen. Die Maske durfte jetzt nur noch ganz kurze Zeit abgenommen werden, um einen Schluck Wasser zu trinken. Er musste furchtbaren Durst haben. Die Pfleger versuchten es mit einem Strohhalm, mit einer Schnabeltasse, aber gab zu verstehen, dass er alleine aus der Flasche trinken könne. Er wollte sich bis zum Schluss nicht helfen lassen und für sich selber verantwortlich sein.
Einmal, erinnere ich mich, es war, als man ihm die Maske nicht mehr abnehmen konnte, trank ich unüberlegt einen Schluck Cola. Er sah es, er hatte doch so einen Durst, er konnte nicht mehr trinken. Ich habe mich so erschrocken und fühlte mich so schlecht.

Montag, 15.07.2002.
Antibiotika schlugen nicht an. Es wurde ein neues Antibiotika verordnet. Der Zustand verschlechterte sich.

Dienstag, 16.07.2002.
Unsere Tochter und ich fuhren wieder in die Klinik, unser Sohn war den ersten Tag wieder nach Lüdenscheid zu seiner Arbeit gefahren. Wir beschlossen nur kurz zu bleiben, um Hans nicht unnötig anzustrengen. - Es kam anders.

Als wir auf der Intensivstation ankamen, wurden wir schon erwartet. Da wir ansonsten immer mit Wartezeiten und schrecklichen Gefühlen vor dieser verdammt sterilen Intensivstation Stunden verbrachten, rief uns diesmal der Professor sofort in sein Arbeitszimmer. Wir hatten ein langes Gespräch und wieder ging es um eine schreckliche Entscheidung. Er teilte uns mit, der Zustand sei kritisch. Es geht darum, ob er intubiert werden soll oder nicht. Hin und hergerissen von Gefühlen, Sorgen und Angst, gaben wir zu verstehen, wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, dass er zu Hause, wovon er nie wegwollte, bei seinem geliebten Hund in seiner Umgebung sterben könne, solle alles getan werden.

Gut, sagte der Arzt, dann packen wir das allerletzte Stückchen von einem Strohhalm. Gehen Sie erstmal zu ihm, ich komme dann zur Visite.
Inzwischen hatte ich unseren Sohn in Lüdenscheid benachrichtigt. Er muss in die Klinik geflogen sein, so schnell war er da. Als wir Hans begrüßten - er war bei vollem Bewusstsein - haben wir uns erschrocken. Er war verkabelt und verdrahtet an 12-15 Infusionen gefesselt mit der Maske, im Gitterbett - fast kaum zu ertragen.

Seine rechte Hand war blau verfärbt sowie sein rechter Fuß. Vorsichtig hob ich die Bettdecke an und erkannte einen fußballdicken Fuß. Die Schrecken sollten nicht aufhören. Ohne Worte wussten wir, dass er in Würde sterben sollte und verneinten die lebensverlängerten Maschinen, zumal der Arzt zu bedenken gab, dass Hans beim Intubieren schon sterben könnte. Somit wollten wir auf keinen Fall den Zeitpunkt des Todes selbst bestimmen. Ich glaube, Hans spürte alles und zeigte mir seine Hand, zeigte auf seinen Kopf und als ich ihn dann beschwichtigen wollte, riss er die Bettdecke weg und zeigte mir sein geschwollenes Bein.
Er wusste Bescheid. Von nun an gab es für uns kein Weggehen mehr.

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